Partiturausschnitte

- Rein oder unrein? (Satire für vier Stimmen) (2001)
397.3 KB (PDF) 
- "Allende, 11. September 1973"
977.1 KB (PDF) 
- Lyon 1943 (Pièce de résistance)
381.6 KB (PDF) 
- Thoreau's Nightmare (2003)
319.3 KB (PDF)
Auswahl
- Allende, 11. September 1973 (Klavier/Stimme/Klarinette/Violoncello)
- Entstehungsjahr: 2004, Dauer: 25 min
- Lyon 1943 (Pièce de résistance) (Klavier Solo)
- Entstehungsjahr: 1999, Dauer: 16 min
- Lyon 1943 (Scenes pour piano et orchestre) (Klavier Solo/Orchester)
- Entstehungsjahr: 2005, Dauer: 30 min
- Rein oder unrein? (4 Stimmen)
- Entstehungsjahr: 2001, Dauer: 4 min
- Sonata y destrucciones (Stimme/Klavier)
- Entstehungsjahr: 1998, Dauer: 15 min
- Thoreau's Nightmare (2 Klaviere, 1 Spieler)
- Entstehungsjahr: 2003, Dauer: 18 min
- The Bells (Edgar A. Poe) (Melodram für Stimme und Klavier)
- Entstehungsjahr: 2006, Dauer: 18 min
Zu "Allende, 11. September 1973"
Für einen sprechenden Pianisten, Klarinette und Violoncello
Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen 'wie es eigentlich gewesen ist.'
Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.
(Walter Benjamin)
Der 11. September 2001, heißt es, habe alles verändert. Man müsse umdenken. Effizienter Terrorbekämpfung dürften keinerlei Schranken gesetzt werden. Ein Paradigmenwechsel habe stattgefunden, der den Präventivkrieg als politisches Mittel rechtfertige. Dem Bild des 11. Septembers 2001 als einer 'Stunde Null' wird in der Komposition mit einem Sprung in die Geschichte begegnet.
Der Militärputsch Augusto Pinochets gegen die demokratisch gewählte Regierung unter Salvador Allende
fiel ebenso auf einen 11. September und einen Dienstag, auf fast dieselbe Uhrzeit genau. Der historische
Vergleich will jedoch keine tiefere zahlenmystische Ordnung suggerieren oder sensationslüsternen
Verschwörungstheorien das Wort reden. Vielmehr soll die durch Zufall entzündete Beziehung Einblick
in ein dialektisches Geschichtsverständnis gewähren, auf welches Benjamin, Geschichte stets als
Konstruktion der Gegenwart begreifend, in oben zitierter These anspielt und dessen Konsequenz lautet:
Nur dem Geschichtsschreiber wohnt die Gabe bei, im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen,
der davon durchdrungen ist: auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein.
Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.
Der im Stück verwendete Text basiert auf den öffentlich zugänglichen Aufnahmen der verschiedenen Ansprachen, die Allende im chilenischen Rundfunk im Laufe des Morgens des 11. September an das Volk richtete. Bei allem Pathos der Worte möchte die Vertonung etwas von der Ruhe und Gelassenheit wiedergeben, mit der Allende angesichts äußerster Gewalt im Rundfunk sprach, wissend, dass er den Präsidenten-Palast lebend nicht verlassen würde. Die in Anlehnung an besonders evokative Stellen des Textes entwickelten musikalischen Gesten verhalten sich zu ihm teils illustrierend, teils kontrastierend und schaffen damit ein emotionales Umfeld, das die Widersprüchlichkeit der Situation wiedergibt.
Das Stück, während eines Aufenthaltes am Wissenschaftskolleg zu Berlin geschrieben, war ein Auftrag des Heidelberger Frühlings, wo es im April 2004 von Jörg Widmann, Klarinette, Alban Gerhart, Violoncello, und mir, Sprecher/Klavier, zur Uraufführung gebracht wurde. Es ist meinen Freunden Amnon Raz-Krakotzkin und Ronit Chacham gewidmet, da es ohne sie nie entstanden wäre und weil sie mich lehrten, dass Hoffnung nur in Widerstand besteht.
Stefan Litwin

